Gotō-Inseln und Nagasaki

· Cruising, 2026, Japan

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Wie ich schon am Ende des letzten Beitrags geschrieben habe, ging ich in Kamigoto Umi “in Deckung”, in einer sehr geschützten Bucht, die man von Süden her anlaufen muss. Das war eigentlich spannender als sonst. Als ich dort ankam, hatte der Wind draußen schon ordentlich zugelegt, und an dieser Ecke steht offenbar richtig viel Strom. Also fiese Wellen, von der Seite, und das unter Motor… Das Boot rollte locker 60 Grad hin und her. Dann zwischen einem Inselchen und dem Ufer hindurch, und plötzlich …. spiegelglattes Wasser. Noch ein paarmal Zickzack zwischen vorstehenden Inselzipfeln, noch um zwei Ecken, und du bist in einem herrlichen Stück Wasser, das meiner Meinung nach wirklich taifunsicher ist. Nicht dass es so heftig geweht hätte, aber trotzdem. Das Anlegen bei ablandigem Wind ist ohne Bugstrahlruder schon etwas knifflig, zumal ich plötzlich den Motorhebel in der Hand halte. Muss ich mal dafür sorgen, dass der sich nicht einfach so lösen kann. Zum Glück ist da ein freundliches altes Männlein, das jemanden von der Fähre abholen will und bereit ist, kurz eine Leine um den Poller zu legen. Wieder jemanden mit unseren Holzschühchen glücklich gemacht.

Kamigoto Umi-no-Eki

Angelegt an der ungenutzten Seite des Fähranlegers, das hatten wir schon öfter. Bezahlt wird im Fährbüro. Drei oder vier Damen, die alle irgendetwas am Computer erledigen. Ich bin von der “Yotto” (= Segelyacht), und mit Hilfe von Apple Translate kriegen wir das hin. Weil es noch eine ganze Woche weiter wehen soll, frage ich nach 9 Tagen. Kein Problem, geht. Das macht dann 1700 ¥, mein Herr. Für 9,44 € liege ich also 9 Tage. Warum sie sich die Mühe überhaupt noch machen, fragst du dich. Ansonsten sind sie sehr freundlich, ich darf meinen Müll entsorgen (keineswegs selbstverständlich) und auch Landstrom oder Wasser bekommen, aber das brauche ich nicht. Im Laufe der Woche bringt mir sogar noch ein Fährmitarbeiter einen Fender zurück. Herzlichen Dank.

Nach einem verregneten Tag ziehe ich am 3. Tag mal mit dem E-Roller los. Leider ist auch dessen Akku schon wieder schlecht, und sobald es bergauf geht, läufst du besser. Nach 5 km Laufen/Rollern komme ich auf der anderen Seite an, wo die Wellen ziemlich hoch sind und es tatsächlich immer noch ordentlich bläst. Hier gibt es ein sehr witziges kleines Mittagsrestaurant, in dem ich einen köstlichen Fischburger mit Pommes esse. Durchaus willkommen, nachdem ich so lange an Bord gekocht habe. Noch kurz im Supermarkt eingekauft und wieder zurück. Im Supermarkt gibt es selbst auf diesem kleinen Inselchen wieder den herrlichsten fangfrischen lokalen Fisch, fertig zubereitet, also leckeres Sashimi mitgenommen. Auf der anderen Route zurück noch steilere Steigungen, der Sport für heute ist also erledigt. Und es sind immer noch 30 Grad, du schwitzt also wie ein Schwein. Zum Glück stehen gleich hinter dem Hügel drei Getränkeautomaten, wie überall in Japan. Mit einem herrlich eiskalten Caffè Latte ist das Leid schon wieder vergessen.

Am nächsten Tag versuche ich es wieder mit dem Roller. Es gibt zwar auch einen Bus, aber der fährt nicht so oft, und der letzte geht um sieben Uhr abends. Auf halber Strecke macht der Hinterreifen wieder plopp. Verflixt, schon wieder. Letztes Jahr hatte ich das auch schon und habe dann auf YouTube das Video des Herstellers befolgt, in dem sie den simplen 38-Schritte-Plan vorführen, wie man den Hinterreifen flickt. Grrrr… In Nagasaki kaufe ich mir dann mal wieder ein Klapprad!

Am nächsten Tag laufe ich zu einer kleinen katholischen Dorfkirche. Die Gotō-Inseln sind die christlichste Gegend ganz Japans. Schuld sind die Portugiesen, die hier im Südwesten schon sehr früh ankamen. Nach einigem Hin und Her hat man sie rausgeworfen, weil sie zu eifrig missionierten, und nur die Niederländer durften bleiben. Rund zweihundert Jahre war das Christentum komplett verboten und die Kirche ging in den Untergrund. Als es Ende des 19. Jahrhunderts wieder erlaubt war, wurden hier überall kleine Kirchen gebaut. Sie sind nicht besonders schön oder so, aber die Geschichte ist natürlich toll, und es sieht so aus, als würde das Ganze immer noch gut blühen. Die Kirche, die ich besuche, wird inzwischen als Unterrichtsraum genutzt, weil daneben eine größere, neuere Kirche gebaut wurde.

Die alte kleine Kirche von Tanoura

Die Woche verbringe ich mit Software schreiben und mit der Fehleranalyse am Bugstrahlruder. Auch dieses Vetus lässt uns wieder im Stich, wie der aufmerksame Leser ja schon weiß. Über Eeuwe bin ich mit der Serviceabteilung in Kontakt gekommen und bekomme tatsächlich eine gute Rückmeldung, samt einem ganzen Fragebogen. Ich ziehe den Code Zero aus der Luke, um an das Bugstrahlruder zu kommen, und fange an zu messen. Nach ein paar Tagen Hin und Her haben beide Seiten eine gemeinsame Vorstellung davon, was los ist. Sie schicken Teile nach Harlingen, und die kann ich dann nächstes Jahr bei meiner Rückkehr einbauen. Der Service ist jetzt jedenfalls prima.

Das Bugstrahlruder

Am folgenden Samstag lässt der Wind nach und ich kann auf die andere Seite verholen. Wieder an die Innenseite des Fähranlegers. Landschaftlich ein viel weniger schöner Platz, aber dafür direkt am Dorf. Ich hatte auf Google Maps mindestens 15 Restaurants gezählt, mir lief also schon den ganzen Tag das Wasser im Mund zusammen. Hier bezahle ich über den Agenten, am Wochenende ist das Büro zu und das Bezahlen zu kompliziert. Keine Stunde später läuft ein Segelboot unter malaysischer Flagge ein. Das ist ungewöhnlich! Zur Sundowner-Zeit gehe ich natürlich mal “koenen”, und es stellt sich heraus, dass es ein Paar ist: Er ist zu 5/8 Chinese und kommt aus Australien, sie ist etwas jünger und halb Chinesin, halb Malaysierin. Shane bietet mir gleich ein Bier an. Wir quatschen ein bisschen und gehen danach zu dritt essen. Wir landen in einem höchst eigenartigen Laden, “eklektisch” reicht nicht annähernd, um die Einrichtung und den Besitzer zu beschreiben. Sehr gutes Englisch, aber er sitzt auf einem Stuhl mit Rollen und rollt ab und zu mal an den Tisch. Die Karte ist recht einfach, und das Essen ist am Ende okay, mehr nicht. Niveau holländische Eckkneipe, so habe ich das hier noch nicht erlebt. Aber was für ein witziger Kerl. Zum Schluss darf ich noch etwas Walfleisch probieren. Nach niederländischen Maßstäben natürlich nicht ganz koscher, aber ich will es mal probiert haben. Okay, das kannst du also auch auslassen. Zäh und nicht besonders lecker.

Eigenartige Einrichtung…. eigenartiges Männlein

Am nächsten Tag schaue ich mir mit Shane das örtliche Walfangmuseum an, und abends gehen wir wieder essen. Die Freundin bleibt zu Hause. Auch diesmal freundliches Personal und leckerer Fisch, aber nichts Besonderes.

Am Tag danach geht es schon weiter nach Nagasaki. Es kommt nämlich schon wieder Wind, und ich weiß, dass man in Nagasaki richtig gut essen kann. Wieder über Mari von Kirk/Konpira organisiert. Auch hier gilt: Selbst bezahlen geht eigentlich nicht. Du must das Boot vorher in einem kleinen Büro anmelden und hinterher wieder persönlich vorbeigehen, um zu bezahlen. Konpira hat dafür eine lokale Mitarbeiterin, die in der Nähe wohnt und das erledigt. Sehr angenehm. Ich muss an eine Kaimauer, denn Boote über 50 Fuß dürfen nicht in den winzigen Yachthafen. Und Boote unter 50 Fuß dürfen nicht an die Mauer. Per E-Mail bekomme ich einen Abschnitt zugewiesen, und dort muss ich anlegen. Das ist bei der Ankunft gar nicht so einfach, es ist Niedrigwasser und die Poller sind riesig. Nach einer Dreiviertelstunde liege ich endlich gut fest an 5 Festmachern, mit 2 Fenderbrettern und 4 Fendern. Weil Springtide ist, geht es 2,5 Meter rauf und runter; bei Hochwasser ist die Kaimauer so niedrig, dass die Bretter und Fender fast auf dem Wasser liegen müssen. Am nächsten Tag frage ich Mari, ob ich etwas weiter vorne liegen darf, und tatsächlich, ich darf. Da liege ich prima: Die Kaimauer ist höher und der Schwell der Fähren stört viel weniger. Der Platz liegt am Park des Verwaltungsgebäudes der gesamten Präfektur Nagasaki, dahinter kommt eine viel befahrene Straße und dann der Bahnhof von Japan Rail. Das ist schön: Ein großer Bahnhof in Japan bedeutet viele kleine Restaurants, die (auch) auf Alleinreisende eingestellt sind. Ich esse drei Tage lang himmlisch: frischer Fisch, Italienisch, Steak, alles lecker.

Die japanische Version von Fast Food, in 3 Minuten auf dem Essbrett: 4 Sorten Thunfisch, Salat, Miso und Beilagen

Am zweiten Tag nehme ich den Bus in einen Vorort, wo der einzige echte Fahrradladen dieser Stadt mit rund 400.000 Einwohnern ist. Zum Glück hat er ein Klapprad im Angebot. Etwas teurer als geplant, aber dafür extra stabil und mit 10 Gängen. Ich fliege die Straße zurück zum Boot, was für ein herrliches Ding. Ganz simpel: keine Schutzbleche oder klappbaren Pedale, einfach nur super zu fahren. Die Größe ist allerdings japanisch, sagen wir mal so. Es fühlt sich ein bisschen an, als säße ich auf einem BMX.

Am zweiten Tag werde ich abends im Cockpit plötzlich auf Dänisch-Englisch angesprochen. Jakob und seine Tochter Selma sind mit dem Fahrrad auf einer Rundtour. Schon das dritte Mal, dass ich ihm über den Weg laufe! Wir essen am Bahnhof und werden vom Personal rausgeworfen, weil sie schließen wollen. An Bord noch einen Absacker. Witziger Kerl, aber wie ich schon früher gesagt habe, sehen die Japaner ihn schon sehr als Gaijin, weil er die Regeln nicht so genau nimmt. Das ist hier nicht gern gesehen.

Am dritten Tag werde ich abends im Cockpit plötzlich auf Niederländisch angesprochen. Hugo, Adrie und ihre Kinder stehen am Kai. Wir waren eigentlich erst für den nächsten Tag verabredet, aber sie sahen das Boot liegen und kamen einfach mal vorbei … also gehen wir direkt im Bahnhof essen. Leider diesmal einen Tick weniger spektakulär gut, wie das eben so ist. Sie erzählen von ihrem Urlaub: drei Wochen Japan, das muss also im Eiltempo gehen. Auch sie finden Japan sehr schön und interessant. Am nächsten Tag essen wir beim Atombombenmuseum zu Mittag und besuchen es danach auch. Beeindruckend. Auf der Rückfahrt in der Straßenbahn ein “Gaijin”-Moment (Ausländer) des Autors: Ich stand in der überfüllten Bahn so, dass die Tür nicht aufging, der Fahrer rief nach “Gaijin San” (werter Ausländer), aber ich hab’s nicht kapiert, also wurde ich von Hugo und Adrie aufgefordert, einen Schritt zurückzutreten. Dann nehme ich sie mit zum Boot und anschließend zu dem chinesischen Restaurant, das die lokale Spezialität “Champon”-Nudeln erfunden hat; dort hatte ich sehr nett mit Marion und Ella gegessen. Pech gehabt, es ist schon Viertel nach sieben, und dann ist schon wieder zu. Also wieder aufs Geratewohl. Wir suchen uns auf gut Glück eins aus, der Reiskocher ist kaputt, aber einiges ist sehr lecker, anderes eher nichts zum Wiederholen. Viel zu schnell ist es schon wieder Zeit, Abschied zu nehmen; sie müssen weiter und ich zurück. Denn, ihr ahnt es schon, der nächste Taifun (Nummer 25 dieser Saison) ist schon wieder im Anmarsch, und ich habe keine Lust auf Gegenwind.

Am nächsten Tag früh raus, etwas verkatert, und wieder kein Wind. Auf halber Strecke frischt es etwas auf, sodass ich motorsegelnd zu den Gotō-Inseln zurück kann. Nach etwas Hin und Her entscheide ich mich wieder für einen Ankerplatz, auf der Insel Hisaka, wo vermutlich nur noch 200 oder weniger Menschen leben. Auch hier werde ich wieder etwa 5 Tage liegen müssen, bis der Wind wieder weg ist. Hier ist es entweder windstill oder Windstärke 6+ am Wind. Tja.

Inzwischen liege ich schon den zweiten vollen Tag in einer wunderschönen Bucht, erst an einer Stelle, wo der Wind noch ganz schön am Boot zerrte, aber jetzt am zweiten Platz wirklich sehr angenehm. Gestern und vorgestern war es komplett bewölkt, aber jetzt sitze ich draußen unter einem holländischen Wolkenhimmel und tippe das hier. Temperatur 23 Grad, super.

Auf der Karte oben liege ich knapp oberhalb von Roya. Ihr seht es: Auch hier wieder lauter katholische Stätten.

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