Du hast dein Ziel erreicht
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„Und, wie fühlt es sich an?“, frage ich André 140 Meilen vor dem Wegpunkt Suriname. „Zwiespältig“, antwortet er, „einerseits schade, dass wir fast da sind, andererseits freue ich mich auf Roti und einen Drink an der Bar oder am Pool!“ Später gibt er zu, dass 10 Tage auf See dann doch ganz schön lang sind.
Während ich das hier schreibe, sind wir 130 Meilen weiter und haben die letzte Nacht der Ozeanüberquerung hinter uns. Die war bewölkt, feucht und verregnet. Der Schweiß tropft nur so von uns herunter. Inzwischen kommt die Sonne immer mehr durch, und wir starren auf den Horizont, auf der Suche nach dem ersten Fleckchen Land seit 10 Tagen. André kommt gerade noch rechtzeitig an Deck, um zu verhindern, dass wir uns in den Netzen eines Fischers verfangen. Der steht übrigens heftig winkend an Deck. Vielleicht wollte er uns ja nur willkommen heißen? Na ja, ist alles gut gegangen.
Zum ersten Mal haben wir den Motor mitlaufen lassen, um Fahrt zu halten. Zum Glück ist der Seegang freundlicher als auf dem Rest der Reise.
Der Atlantik
Es gab Momente, in denen ich ihn verflucht habe, aber zum Glück mehr Momente, in denen es sich wie ein Privileg anfühlte, Gast auf diesem großen Wasser zu sein. Denn das ist er: groß. Tagelang segeln und jeden Morgen wieder mit noch mehr Wasser aufwachen. André und ich hatten jeden Morgen beim Aufstehen so ein Und-täglich-grüßt-das-Murmeltier-Gefühl. Hier waren wir doch gestern auch schon?
In all den Tagen sind uns drei Schiffe begegnet: ein Segelboot, die Synergie, auf derselben Route, ein Fischerboot und ein Frachter. Die letzten beiden passierten uns nachts in weniger als einer Meile Abstand. Da ist so viel Platz, und dann kommt man sich so nahe. Fühlt sich an, als würdest du zufällig deine Nachbarn auf einem Campingplatz in Sibirien treffen.
Alles in allem haben wir es super erwischt. Bis auf einzelne Tage hatten wir herrliches Wetter, und der Wind lag konstant bei etwa 22 Knoten. Das heißt, die Segel stehen auf jeden Fall gut im Wind. Was eher enttäuscht, ist das Durcheinander der Wellen: Sie kommen von allen Seiten gleichzeitig, und obendrauf rollt noch die Dünung, die nun mal unverkennbar zum Ozean gehört.
Auf halber Strecke, als mir bewusst wird, dass ich mitten auf dem Ozean bin und nirgendwo anders hin kann als geradeaus Richtung Suriname, überkommt mich während meiner Nachtwache kurz so eine Art Klaustrophobie. Zum Glück ist das schnell vorbei.
Wir haben die Wachen von jeweils 3 Stunden wieder auf feste Zeiten verteilt und beschlossen, die Uhr auf kapverdischer Zeit zu lassen; der Zeitunterschied zu Suriname beträgt 3 Stunden. André übernimmt um 3 Uhr, Eeuwe um 6, Marion um 9 und Kees um 12. Mittag- und Abendessen gibt es gemeinsam.
Die ganze Überfahrt segeln wir mit der Fock auf der Luvseite, Schmetterling, auf Englisch Goosewing. Das heißt, die Fock steht auf der anderen Seite als das Großsegel. Das geht, wenn der Wind von achtern kommt. Wir fahren mit dem Autopiloten im Windmodus, das heißt, der Autopilot steuert so, dass der Wind immer aus demselben Winkel einfällt. Trotzdem folgen wir der Kurslinie zu unserem Wegpunkt ziemlich gut.
Angeln
Nach dem Erfolg mit dem Thunfisch hat André hohe Erwartungen an den Fang während der Überfahrt. An einem der ersten Tage hängt einer am Haken, laut den Männern eine Mahi Mahi, die wir abends zum Essen verspeisen. Eeuwe und Kees frühstücken eines Morgens die angespülten fliegenden Fische, die sie an Deck finden, aber ansonsten bleibt es sehr ruhig. Fazit: Wir machen zu viel Fahrt. Als wir die niederländische Segelyacht Synergie überholen und über Funk ein Schwätzchen halten, werden wir vor allem zu unseren Angeltechniken ausgefragt. Mit unserem bisherigen Fang fühlen wir uns natürlich wahnsinnig erfahren. Hoffentlich haben sie auch was gefangen.
Gestern, am letzten vollen Tag auf See, unternimmt André einen letzten Versuch und wirft beide Angeln aus. Fahrt machen wir zwar ordentlich, aber das liegt auch daran, dass wir viel Strom mit uns haben, die Fahrt durchs Wasser hält sich also in Grenzen. Ob das der Grund ist, weiß ich nicht, aber an der Handleine beißt etwas. Ein bescheidener Thunfisch. Inzwischen routiniert, wird er von André von seinem Leiden erlöst und filetiert. Er hat gerade die letzte Gräte entfernt, als die Angelrute anfängt abzuspulen, also wieder Arbeit. Ein etwas kleinerer Thunfisch, aber mehr als willkommen. Nach dem Thunfischsalat aus der Dose zum Mittagessen gibt es jetzt frisches Sashimi zum Sundowner und gebratenes Thunfischfilet zum Abendessen. Was für ein Luxus!!
Kulinarisches
Was isst man an Bord eigentlich außer dem Fisch, den man fängt?
Morgens Haferbrei oder Joghurt mit Müsli. Auf den Kapverden haben wir lange haltbare Joghurtbecher gefunden, die bei einem überfüllten Kühlschrank die Rettung sind. Sie sind ein bisschen süßlich, aber das schmeckst du nicht mehr, wenn du Knuspermüsli oder Honig reinkippst.
Zum Mittagessen Brot, mal selbst gebacken, mal aus der Tiefkühltruhe. Oder Arme Ritter. Auf Madeira haben wir Kastenweißbrot gekauft, das jetzt nach anderthalb Monaten immer noch prima essbar ist – wie gesund das wohl sein mag. Dazu Salat mit Thunfisch- oder Eiersalat.
Fürs Abendessen haben wir genug Fleisch im Gefrierfach. Leckere Würstchen, Hackfleisch, Hähnchenbrust, verarbeitet zu Curry, Chili oder Pasta.
Was wir schon in Spanien entdeckt hatten, sind die Tortillas, eine Art Kartoffelquiche, fertig zubereitet, sehr lange haltbar und im Handumdrehen warm. So simpel, aber richtig lecker.
Frisches Gemüse hängt draußen an der Leine, die André eigens für diesen Zweck geknüpft hat. Normalerweise sieht man, dass Leute eine Art Hängematte mit den frischen Sachen drin haben. Wir haben eine schöne Leine, an der für jedes Gemüse ein eigenes Säckchen hängt. Diese Säckchen haben wir eigentlich zum Gemüseeinkauf gekauft, als Alternative zu den Plastiktüten in der Gemüseabteilung im Supermarkt. Also doppelter Nutzen. André will ein Patent auf seine Obst- und Gemüseleine anmelden. Wenn die Möhren etwas traurig aussehen, gibt es leckeren Hutspot mit Wurst!
Und ansonsten trinken wir viel Tee, Wasser und ein (manchmal anderthalb) Bierchen.
Die größte Überraschung kommt am 5. Dezember in unseren Schuh: Sinterklaas hat uns gefunden, und für jeden gibt es einen leckeren Schokoladenbuchstaben!! Danke, lieber Sinterklaas!
Duschen
Obwohl wir eine ordentliche Menge Wasser dabeihaben, ist es bei uns üblich, nicht allzu oft zu duschen. Daran muss André sich erst gewöhnen. Wenn es etwas schwüler wird, springen Kees und ich schon mal kurz unter die kalte Dusche. Damit kann André leben, aber unserer Meinung nach nicht so richtig von Herzen. Als er an einem der letzten Tage die Erlaubnis bekommt, ausgiebiger zu duschen, schaltet er die Heizung für warmes Wasser ein und wird natürlich von den drei anderen an Bord ausgiebig ausgebuht. Eeuwe hat eine andere Lösung: Er lässt sich jeden Tag hinter dem Boot herziehen, was, vor allem von mir, nicht gerade geschätzt wird. Ich hatte in der ersten Nacht sogar einen Albtraum davon. Aber er lässt sich nicht davon abbringen. André hat es auch einmal gemacht, versteht aber meine Sorge und belässt es dabei.
Tja, und was erlebt man sonst noch so auf dem großen Ozean? Es gab eine Nacht, in der wir uns richtig anstrengen mussten, um in der Koje zu bleiben. Was stellte sich heraus? Der Autopilot hatte auf das falsche GPS umgeschaltet, steuerte dadurch mal links, mal rechts, und das Boot wurde von den ruppigen Wellen in alle Richtungen geworfen. Pleiten, Pech und Pannen nennen wir das.
In einer Nacht war es sehr windig, und wir beschlossen, ein Reff ins Großsegel zu binden. Das Boot hat das prima weggesteckt, und frühmorgens konnte Eeuwe das Reff wieder ausschütteln.
Beim Ablegen fahren wir noch kurz bei der Thalassa vorbei, die in Mindelo vor Anker liegt, machen noch ein paar Fotos und wünschen den Kids, die an Deck Hausaufgaben machen, eine gute Reise nach Dominica.
Die ersten Tage der Überfahrt musste ich mich wieder eingewöhnen, mit dem Pflaster hinter dem Ohr ging es aber ganz gut. Am dritten Tag war es schon viel besser, den Sundowner habe ich trotzdem noch ausgelassen. Nach fünf oder sechs Tagen kam es allerdings zurück, das Boot bewegte sich auch ziemlich heftig, und ich musste echt aufpassen, keine komischen Sachen zu machen. Nachdem ich ein neues Pflaster aufgeklebt hatte, ging es wieder prima, es hilft mir also offenbar.
Nachtrag
Wir liegen in Domburg vor Anker, haben gestern Abend ausgiebig im Restaurant/in der Bar am Hafen gegessen, ein paar Verwandte von Aly und Ype getroffen und heute Morgen alle Kopfschmerzen. Jetzt sitzen wir schon wieder hier, wegen des Internets und des leckeren Frühstücks. Und des Pools….

























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