Ein Stück als Gast, Lissabon > Madeira

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Eine Woche frei! Unsere Segelfreunde Kees und Marion brechen zu ihrer Weltumsegelung auf. Wie gern würde ich noch einmal den Atlantik überqueren, aber auf der Arbeit ist zu viel los, um von den Kapverden nach Suriname mitzusegeln. Dann eben nur ein kleines Stück, von Lissabon nach Madeira, um wenigstens kurz wieder dieses Gefühl vom Hochseesegeln zu erleben: die Delfine, der Sternenhimmel, das Leben auf See. Wir segeln diese Etappe zu viert. André kommt auch mit, bleibt aber bis Suriname an Bord. André ist ein Segelfreund. Als ich vor 3 Jahren über den Ozean gesegelt war, seufzte er, wie gern er das auch machen würde, aber das würde sein amerikanischer Arbeitgeber ihm nie erlauben. „Hast du denn gefragt?“ Nein. „Warum fragst du nicht, ob du in 2 Jahren 2 Monate freibekommen kannst? Dann stellst du deinen Chef nicht vor vollendete Tatsachen, und er weiß, dass du noch 2 Jahre bleibst.“ Und siehe da, er bekam die Erlaubnis! Der nächste Schritt war, ein Boot zu finden. Und so wie Kees mir damals geraten hatte, über die ARC-Crew-Datenbank ein Boot für meinen Ozeantraum zu suchen, so lernten sich André und Kees bei uns an Bord auf einem Törn nach England kennen. Kees und Marion suchten Crew für einige Etappen, und André ist so ein Segler, den man jedem empfehlen kann und der mit jedem gut auskommt. Ein guter Segler und immer bester Laune. Großartig, jetzt ein kleines Stück zusammen zu segeln, während seine Traumreise beginnt.

Am Sonntagmorgen um 05:30 ziehe ich in Kockengen leise die Haustür hinter mir zu. Ein paar Stunden später werde ich in Lissabon auf dem Kai stehen, und dann geht ‚die Arbeit‘ sofort los. Die Merrimac (www.merrimac.nl) ist tipptopp in Schuss und wurde diesen Sommer schon von Harlingen nach Lissabon überführt. Da muss nichts mehr gemacht werden. Proviant muss allerdings noch gebunkert werden, auch wenn die Strecke nach Madeira nur 500 sm lang ist und wir mit der schnellen Merrimac wahrscheinlich keine 3 Tage brauchen werden. Außerdem müssen wir natürlich einmal durchs ganze Boot gehen und (Notfall-)Abläufe, Wachpläne und Verhaltensregeln absprechen. Wie gehen wir miteinander um, auch wenn wir gute Freunde sind? Längere Zeit auf engem Raum zusammenleben oder mehrere Kapitäne auf einem Schiff – das hat schon so manche Freundschaft zerstört. Es hilft, dass André und ich selbst ein Boot haben, sodass wir wissen, wie sorgsam ein Eigner mit seinem Besitz umgeht und was man tut und was man besser lässt. Diese persönliche Seite des Langstreckensegelns finde ich die eigentliche Herausforderung, nicht so sehr das Segeln selbst. Das können wir alle gut genug.

Um 09:45 gehe ich an Bord. Ich sprühe vor Energie, wie ich das liebe! Zurück auf dem Ozean! Nach dem Frühstück legen wir los, und am späten Nachmittag verkündet Kees, dass wir am nächsten Tag nach Mittag auslaufen werden.

Am Montagmorgen darf ich noch kurz in den Mast, um den Windmesser einfach zurückzusetzen. Ich gehe gern in den Mast, wegen der herrlichen Aussicht und dem ‚Abseilen‘ nach unten. Um 12 Uhr, etwas früher als geplant, werden die Leinen losgeworfen. Im Schneckentempo fahren wir den Tejo hinunter. Wir haben Strom gegenan, aber das gibt uns die Gelegenheit, die Ufer von Lissabon zu genießen. Gegen 15:30 sind wir auf offenem Wasser und setzen Segel. Es weht ordentlich. Mehr als vorhergesagt und noch nicht ganz aus der gewünschten Richtung. Na gut, wir sind ja auch ein paar Stunden zu früh losgefahren. Das wird bestimmt gleich besser. Der Ozean ist eine einzige Waschmaschine. Wird bestimmt gleich besser….. Auch auf tieferem Wasser wird es nicht besser, und schon bald sind wir alle seekrank oder zumindest nicht ganz auf der Höhe. Eine neue Erfahrung, ich war noch nie seekrank. Zum Glück hindert es uns nicht daran, unseren Job zu machen. Nach einigen Stunden ist die Merrimac perfekt getrimmt, und wir schießen wie ein Pfeil Richtung Madeira. Das ist Segeln! Wir gehen Wache nach Plan. Der eine ein paar Stunden mehr als der andere, je nach Grad der Seekrankheit. Wir gewöhnen uns an das Boot und an das reichhaltige Angebot an Geräten und Daten. André ist am nächsten Morgen noch ein bisschen grün im Gesicht, aber langsam berappeln wir uns alle. Ingwertee gibt uns den letzten Schubs. Gegessen wird noch kaum. Nach 24 Stunden steht ein Tagesrekord von 225 sm in einem Etmal auf dem Zähler. Die Höchstgeschwindigkeit, mit der wir eine Ozeanwelle hinuntergesurft sind, liegt bei 24 kn, mehr als 40 km/h! Fast wie beim Volvo Ocean Race. Wir strahlen vor Stolz. Inzwischen sind die Wellen gleichmäßig.

Am Mittwochmorgen scheint die Sonne, und die Gespräche kommen zurück. Wir sitzen alle den ganzen Tag draußen, und zum Mittagessen mache ich einen Couscous-Salat. André sieht Delfine. Leider schwimmen sie weiter. Wir sind so schnell gesegelt, dass wir schon gegen Mitternacht in Porto Santo ankommen werden statt erst am Donnerstagmorgen. Abends koche ich Pasta. Unser Appetit ist voll zurück, und wir haben den Rhythmus des Ozeans gefunden. Ich könnte noch tagelang so weitersegeln und bin ganz erfüllt von den Erinnerungen an meine Atlantiküberquerung vor 3 Jahren. Das ist viel zu kurz! Ich will weiter!!

Gegen 00:30 sind wir bei Porto Santo. Das nervöse Herumgewusel und die leicht gereizten Diskussionen darüber, welche Lichter wir nun sehen oder nicht sehen, kenne ich bei so einer nächtlichen Ankunft nach einem ganzen Seglerleben zur Genüge; das gehört unumstößlich dazu, und ich halte mich lieber ein bisschen zurück. Jetzt bloß kein Doch-Nein-Doch, das ist so eine ungeschriebene Regel. Eine halbe Stunde später liegen wir in der Bucht neben dem Hafen vor Anker. Ob drinnen ein Platz frei ist, schauen wir morgen früh. Nachts ohne Bugstrahlruder in einem kleinen, unbekannten Hafen bei ordentlicher Brise zu manövrieren, ist keine gute Idee. Wir räumen ein bisschen auf und schließen diesen wunderbaren Törn mit ein paar Bierchen von Brouwdok ab, bevor wir in die Koje kriechen.

Am Donnerstagabend wärme ich den Rest der Pasta auf. Am Vortag fand ich sie etwas fade, weil ungesalzen, also beschließe ich, einen guten Teelöffel Sambal und etwas Paprikapulver dazuzugeben, um das Ganze ein bisschen aufzupeppen. Jetzt schmeckt es lecker. Ich stelle die Schüsseln auf den Tisch, und wir fangen an zu essen. 3 Paar große Augen starren mich sprachlos an. Stille. Und dann: „Was hast du denn da gemacht???“ Kees liebt Sambal, aber Marion und André vertragen ihn kaum. Das Glas Sambal, das ich benutzt habe, kommt auf den Tisch. Das Etikett zeigt unmissverständlich 🔥🔥🔥🔥🔥🔥🔥. Ich probiere eine Messerspitze. Hmmmm, lecker. Kurz darauf steht meine Unterlippe in Flammen. André recherchiert, und es stellt sich heraus, dass der Sambal aus Trinidad Scorpions gemacht ist, der zweitschärfsten Chili der Welt. Wir lachen uns kaputt. Kees und ich nehmen noch ein bisschen, das schmeckt nach mehr. Am Ende des Abends wissen wir alles über die schärfsten Chilis der Welt. Die Tränen laufen uns über die Wangen.

Am Freitag um 8 Uhr setzen wir Segel nach Madeira selbst. Ein herrlicher Schlag von 5 Stunden unter Vollzeug. Wir genießen in vollen Zügen. Das Anlegen im Hafen mit kräftigem Seitenwind, aber ohne Bugstrahlruder, klappt reibungslos, obwohl wir es wegen des Tempos, mit dem der Hafenmeister zur Sache ging, nicht richtig vorbereiten konnten und die Kaimauer tückisch hoch war. Es zeigt, dass wir alle erfahrene Segler sind, die nicht nur segeln, sondern auch manövrieren und als Team zusammenarbeiten können, wenn es darauf ankommt. Auch das ist pures Vergnügen.

Leider ist es für mich jetzt fast vorbei. Am Montagabend fliege ich beruflich von Amsterdam nach Manila, also muss ich am Sonntag früh meine Siebensachen packen. Den ganzen Samstag touren wir mit einem Mietwagen durch den westlichen Teil von Madeira. Wie schön ist es hier! Abends lassen wir den Tag bei Freunden von Kees und Marion ausklingen in…….

Und da stehen wir nun, Marion und ich, am Sonntagmorgen um 05:30 Uhr. In unserem Mietwagen vor dem Tor des Hafens. Das geht nicht auf. Keine Bewegung reinzukriegen, keine Gegensprechanlage. Viel Zeit haben wir nicht. Ich versuche, über das Tor zu klettern, merke aber oben angekommen, dass ich nie mehr zurückkomme, wenn ich erst einmal auf der anderen Seite stehe. Also keine gute Idee. Wir fahren das Auto noch ein paarmal vor und zurück und drücken auf alle Knöpfe. Keinen Millimeter Bewegung. Plötzlich hören wir irgendwo hinter uns eine tiefe Männerstimme mit einer Art russischem Akzent. Ein Wachmann taucht in einem Golfcart auf. „Hierr lang, hierr lang.“ Er fährt uns durch ein paar Gässchen voraus, und kurz darauf sind wir vom Gelände runter. Erleichtert atmen wir auf. Dabei wäre ich insgeheim eigentlich ganz gern geblieben….

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